Neues Radio: 90s90s IBIZA
Von José Padilla bis Carl Cox, von Café del Mar bis Space: 90s90s IBIZA erzählt, warum Ibiza in den 90s zum Verstärker einer ganzen Rave-Generation wurde.
Von José Padilla bis Carl Cox, von Café del Mar bis Space: 90s90s IBIZA erzählt, warum Ibiza in den 90s zum Verstärker einer ganzen Rave-Generation wurde.
NEU! Ein eigenes Radio für das Club-Feeling der Insel. Die größten House-, Trance- und Dance-Classics der 90er. Der Sound von Sonnenuntergängen, Strandpartys und durchtanzten Sommernächten.
Ibiza klingt in den 90ern nicht nach Postkarte. Ibiza war der Bassruf aus der Ferne. Ein Sehnsuchtsort der Raver in ganz Europa. Mit 90s90s IBIZA starten wir jetzt ein neues Radioangebot für genau dieses Gefühl: die Club-Hymnen der 90er und frühen 2000er, der Sound der Insel, das musikalische Versprechen von Sundowner, Nachtbus, Superclub und Sonnenaufgang. José Padilla, Carl Cox, Sven Väth und Paul Oakenfold stehen dabei nicht nur für einzelne DJ-Biografien, sondern für eine Zeit, in der Ibiza aus einem Ferienziel ein europäischer Dancefloor-Verstärker wurde.
Ibiza war nie nur ein Ort, an dem elektronische Musik gespielt wurde. Die Insel wurde in den 90ern zu einem Umschlagplatz für Ideen, Sounds und Clubrituale. Paul Oakenfold, Danny Rampling und Nicky Holloway hatten den Ibiza-Funken bereits Ende der 80er nach Großbritannien getragen, doch in den 90ern wurde daraus eine massive Bewegung. London, Manchester, Frankfurt, Amsterdam und Berlin schickten ihre DJs, Promoter und Clubber auf die Insel; Ibiza schickte den aufgeladenen Sound wieder zurück auf die Dancefloors Europas. Das war keine Einbahnstraße, sondern ein Kreislauf: Heimatclubs lieferten musikalische Energie, Ibiza machte daraus Mythos, Marke und Urlaubsfantasie.
Schon in den 50ern und 60ern wurde Ibiza für Künstler, Schriftsteller, Aussteiger und Hippies interessant. Die Insel war damals noch relativ arm, abgelegen und nicht durchorganisiert. Genau das machte sie attraktiv: wenig Kontrolle, günstiges Leben, gutes Klima, viel Raum für Leute, die nicht in die bürgerliche Nachkriegsgesellschaft passten. In den 60ern und 70ern ging es auf Ibiza also weniger um Superclubs, sondern um Kommunen, Kunsthandwerk, freie Liebe, Märkte, Musik, Strand, einfache Fincas. Orte wie Sant Carles und der Hippiemarkt Las Dalias gehören in diese Erzählung. Gleichzeitig war Spanien noch unter dem Faschisten Francisco Franco autoritär geprägt; Ibiza wirkte im Vergleich wie ein Gegenraum. In den 70ern begann Ibiza, sich von der Aussteigerinsel zur Clubinsel zu verschieben. Ricardo Urgell eröffnete 1973 das Pacha Ibiza. Das Amnesia entstand ebenfalls in den 70ern aus einer Finca, Ku kam Ende der 70er dazu. Aus Fincas, Bars und offenen Tanzflächen wurden Clubs. Aus Aussteigern wurden Gastgeber, Promoter, DJs, Barkeeper, Modemacher, Händler. Die Hippie-Ästhetik blieb, aber sie bekam Kasse, Türpolitik und Soundanlage. In den 80ern passiert dann der eigentliche Vorlauf zur 90er-Explosion. Zentral ist Alfredo Fiorito, besser bekannt als DJ Alfredo. Alfredo Fiorito kam aus Argentinien nach Ibiza und wurde Mitte der 80er Resident im Amnesia. Sein Stil war radikal offen: Pop, Rock, Reggae, Disco, Funk, frühes House, Electro, Filmmusik, später Acid und Techno. 1987: Paul Oakenfold, Danny Rampling, Nicky Holloway und Johnny Walker erleben Amnesia und diesen offenen, euphorischen Sound. Danny Rampling sagte später, das Amnesia sei ein Open-Air-Club gewesen, der gegen vier Uhr morgens richtig losging, mit einer wilden Mischung aus Pop, Rock, Reggae, House, Techno und Acid; dieses Erlebnis habe ihn zu seinen Sets in London inspiriert. Damit wird Ibiza zum Exportgut: Die Insel inspiriert Acid House in Großbritannien, und Großbritannien schickt danach eine ganze Clubgeneration zurück nach Ibiza.
Ja, Drogen spielten eine Rolle. In der Hippiephase waren Cannabis, Haschisch und Psychedelika Teil der Gegenkultur. In der Clubphase der 80er kamen dann Ecstasy/MDMA und andere Substanzen stärker in den Zusammenhang von House, Acid und Rave. Natürlich hat die Insel den Dauerrave nicht erfunden. Überhaupt, auch die Musik dazu nicht. Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May hatten in Detroit längst Maschinenmusik in Bewegung gesetzt, Chicago hatte House geprägt, Frankfurt und Berlin hatten ihre eigenen härteren Sprachen entwickelt. Ibiza nahm diese Strömungen auf und veränderte ihren Kontext.
In den 90ern kam die internationale Clubgeneration noch nicht primär mit dem Billigflieger im heutigen Sinn. Der große Motor waren Charterflüge, Pauschalreisen und Veranstalterpakete. Carl Cox spielte in dieser Zeit auf einer Insel, auf der britische Clubber besonders sichtbar wurden: San Antonio, Bars, Flyer, Promoter, Clubtickets, der nächste Bus, der nächste Drink, die nächste Nacht. Die Low-Cost-Revolution begann in Europa zwar Mitte der 90er mit Airlines wie Easyjet, die 1995 gegründet wurde und 1996 erste internationale Strecken startete, doch für Ibiza wurde dieses Modell vor allem ab den 2000ern zum Beschleuniger. In den 90ern war die Reise schon massentauglich, aber noch anders organisiert: weniger Easyjetset, mehr Reisebüro; weniger Weekend-Hopping, mehr Paketurlaub mit Eskalationsoption.
Genau darin liegt ein zentraler Konflikt, der bis heute nachwirkt. Je günstiger und flexibler die Anreise in den 2000ern wurde, desto leichter ließ sich das eigentliche Erlebnis teurer verkaufen. Ibiza verlagerte den Preis: Was später beim Flug gespart wurde, landete am Club-Eingang, an der Bar, im VIP-Bereich oder bei immer größeren Produktionen. Zeitzeugen erinnerten sich daran, dass Clubs auch damals teuer waren, aber oft ein Drink im Ticket enthalten war und Karten über Bars günstiger zu bekommen waren. Die 90er waren also nicht das Paradies der billigen Nächte. Sie waren eher die Übergangszeit, in der aus einer wilden Clubinsel Schritt für Schritt ein Premiumprodukt wurde. Anders gesagt: Der Mythos flog Economy, aber an der Tür wurde schon Business Class kassiert.
Die britische Clubkultur war auf Ibiza in den 90ern lauter, sichtbarer und massenhafter. Pepe Roselló, der Gründer von Space, sagte später im Gespräch mit The Guardian sinngemäß, britische Gäste seien besonders leidenschaftliche Besucher seines Clubs gewesen. Das passt zur Erzählung der Zeit: britische Magazine, britische Promoter…. Die Briten brachten nicht nur Geld und Masse, sondern auch eine eigene Art des Feierns auf die Insel: euphorisch, exzessiv, manchmal charmant, manchmal daneben, selten leise. Deutsche Raver waren dagegen weniger die dominante Tourismus-Erzählung, aber musikalisch enorm wichtig. Sven Väth steht dafür am klarsten. Frankfurt, Techno, Trance, Harthouse, später Cocoon: Aus deutscher Perspektive ging es nicht nur um Urlaub, sondern um die Frage, ob Techno auf Ibiza einen neuen Raum finden konnte. Cocoon startete 1999 auf Ibiza.
Der wichtigste musikalische Trick Ibizas war die Entdogmatisierung. In Berlin oder Frankfurt konnte ein Set sehr genau definieren, was Techno ist und was nicht. Auf Ibiza war die Frage eher: Funktioniert es im Moment? Alfredo Fiorito, meist als DJ Alfredo bekannt, hatte diese Offenheit schon in den 80ern geprägt. Balearic hieß nicht: ein Genre mit sauberer Gebrauchsanweisung. Balearic hieß: House neben Pop, Acid neben Flamenco-Vibe, Ambient neben Disco, ein Gitarrenmoment neben einer 303-Linie. Wenn es die Nacht trägt, darf es rein. Diese Offenheit veränderte die Clubkultur weit über Ibiza hinaus. José Padilla machte am Café del Mar aus dem Sonnenuntergang eine eigene musikalische Disziplin. Seine Auswahl auf den frühen Café-del-Mar-Compilations zeigte, dass elektronische Musikkultur nicht nur aus Peak-Time bestehen musste. Nach der Nacht kam nicht einfach Stille, sondern ein eigener Sound: langsamer, wärmer, sehnsüchtiger, aber - so ehrlich kann man sein - nicht kitschfrei.
Die 90er machten aus DJs Popstars. Carl Cox war nicht einfach ein DJ, der auf Ibiza auflegte. Carl Cox wurde zu einem Gesicht des Space-Mythos. Wenn andere Clubs endeten, begann dort ein weiterer Akt. Diese Dramaturgie beeinflusste die Musik selbst. Tracks mussten länger atmen, Breakdowns größer wirken, Melodien weiter tragen. Die Nächte wurden verdammt lang. Trance und Progressive House passten perfekt in diese Logik. Deshalb funktionieren Namen wie Chicane, Faithless, Nalin & Kane, Moloko und Armand Van Helden in diesem Format so gut. Chicane steht für den Horizont, Faithless für weit fliegenden Beat, Nalin & Kane für „Beachball“ als Sonnencreme in Trackform, Moloko für Pop-Schrägheit mit House-Unterbau und Armand Van Helden für den Moment, in dem der Dancefloor grinst. Pacha, Amnesia, Space und Ku beziehungsweise Privilege bildeten in den 90ern die großen Fixpunkte. Pacha brachte Glamour und internationalen House-Flair nach Ibiza-Stadt. Amnesia wurde zu einem Tempel für House, Trance und britisch geprägte Clubnächte. Space machte Playa d’en Bossa zur Afterhour-Erzählung. Ku, ab Mitte der 90er als Privilege bekannt, wurde zur Arena des Exzesses. Dazu kamen Es Paradis in San Antonio, Eden als später wichtigerer Name der britischen Clubtourismus-Welle, El Divino am Hafen von Ibiza-Stadt und natürlich Café del Mar sowie Café Mambo als Sunset-Institutionen. Streng genommen sind Café del Mar und Café Mambo keine Clubs im klassischen Sinn. Für die 90er-Ibiza-Erzählung wären sie trotzdem falsch, wenn sie fehlen würden.
Ibiza hat Techno nicht härter gemacht. Ibiza hat ihn größer gemacht. Sven Väth brachte Techno in einen Kontext, in dem die Maschine nicht mehr nur im Keller stand, sondern unter Palmen funktionierte. Carl Cox zeigte, dass ein DJ zugleich technisch brillant und massenverbindend sein konnte. José Padilla bewies, dass elektronische Kultur auch im Runterkommen Identität hat. Paul Oakenfold, Danny Rampling und Nicky Holloway machten aus Ibiza-Erlebnissen britische Clubbewegung. Alfredo Fiorito hatte vorgemacht, dass Genregrenzen auf der Insel eher Empfehlungen als Gesetze waren.
Der Konflikt bleibt: Mit der Internationalisierung kam Kommerzialisierung. Mit der Professionalisierung kamen höhere Preise, stärkere Marken, größere Produktionen und später VIP-Zonen, die mit dem alten Freiheitsversprechen der ersten Techno-Generation nicht immer gut zusammenpassen. Ibiza war nie völlig unschuldig, aber in den 90ern kippte die Balance sichtbar. Aus der Insel, auf der viele etwas suchten, wurde eine Insel, die immer besser wusste, was sie verkaufen konnte. Genau deshalb ist der Sound heute so interessant: Er trägt Euphorie und Widerspruch gleichzeitig.
Wenn man das Techno-Ibiza der 90er auf neun prägende Orte verdichtet, dann führt kaum ein Weg an Pacha, Amnesia, Space, Ku beziehungsweise Privilege, Es Paradis, Eden, El Divino, Café del Mar und Café Mambo vorbei. Pacha steht für Glamour und House, Amnesia für die Superclub-Energie, Space für Terrasse und Afterhour, Ku beziehungsweise Privilege für Größe und Exzess, Es Paradis für San-Antonio-Ikonik, Eden für die spätere britische Clubwelle, El Divino für Hafen-Glamour, Café del Mar für den Sunset-Sound und Café Mambo für den Pre-Club-Moment, in dem aus einem Abend eine Geschichte wird.
Und wenn man neun DJs nennen muss, die dieses Ibiza-Gefühl geprägt, verbreitet oder entscheidend erweitert haben, dann gehören José Padilla, Alfredo Fiorito, Carl Cox, Sven Väth, Paul Oakenfold, Danny Rampling, Nicky Holloway, Julius O’Riordan alias Judge Jules und Brandon Block in diese Erzählung. José Padilla gab dem Sonnenuntergang eine Sprache, Alfredo Fiorito öffnete den Sound, Carl Cox machte Space zur Maschine mit Seele, Sven Väth brachte deutschen Techno-Instinkt auf die Insel, Paul Oakenfold, Danny Rampling und Nicky Holloway verbanden Ibiza mit Großbritannien, Julius O’Riordan alias Judge Jules stand für die große britische Präsenz, und Brandon Block verkörperte jenen 90er-Ibiza-Überschwang, bei dem man bis heute nicht genau weiß, ob man ihn feiern oder ihm ein Glas Wasser bringen sollte.
Erst kamen die Hippies, dann die Soundanlagen, dann die Briten mit Sonnenbrand und Offenbarungserlebnis. Ibiza war in den 90ern wild, teuer, kreativ, kommerziell, genial und manchmal komplett drüber. Genau deshalb klingt diese Ära bis heute so lebendig. 90s90s IBIZA funktioniert dann am besten, wenn wir uns die Insel vorstellen. Denn Ibiza ist nicht nur ein Ort. Ibiza ist ein Vibe. Ein State of Mind aus Wellenrauschen, warmem Wind und endlosen Nächten.