Kruder & Dorfmeister wieder auf Tour
Zwischen Drum & Bass, „Space Night“ und legendären Remixen: Kruder & Dorfmeister feiern ihre Musik der 90er mit einer seltenen Tour und bleiben dabei ihrem Lieblings-Label treu: Kiffer statt Lounge.
Zwischen Drum & Bass, „Space Night“ und legendären Remixen: Kruder & Dorfmeister feiern ihre Musik der 90er mit einer seltenen Tour und bleiben dabei ihrem Lieblings-Label treu: Kiffer statt Lounge.
Eine sanfte Klangdecke mit Ambient-Beats und sonnendurchfluteten Melodien. Auf Ibiza mixte José Padilla in der goldenen Stunde über der Bucht am Café del Mar einen Soundtrack für Sonnenuntergänge - das ist 90s90s Chill Out!
Während Techno und Drum & Bass in den 90ern immer schneller wurden, drehten Peter Kruder und Richard Dorfmeister aus Wien den Regler bewusst runter. Der Bass blieb tief, die Beats gebrochen, der Groove entspannt. Viele hörten darin Lounge. Peter Kruder und Richard Dorfmeister fanden das allerdings ziemlich daneben – und erklärten in Interviews, sie seien „keine Lounge-Musiker“, sondern eher „Kiffer“, die ihre Plattensammlung in Zeitlupe spielen.
Peter Kruder und Richard Dorfmeister lernen sich Anfang der 90er in Wien kennen. Beide sind DJs, Plattensammler und obsessive Hörer von Dub, HipHop und Breakbeat. Statt mit einem großen Label zu arbeiten, gründen Peter Kruder und Richard Dorfmeister ihr eigenes: G-Stone. In Clubs legen sie Rare Groove, Dub und frühen Drum & Bass nebeneinander auf. Genau aus dieser Mischung entsteht später der Stil, der den Namen Kruder & Dorfmeister weltweit bekannt macht. Der Zusammenhang mit Drum & Bass hat einen einfachen Grund: Peter Kruder und Richard Dorfmeister arbeiten mit Breakbeats. Während Techno in den 90ern meist auf geraden 4/4-Beats basiert, nutzen Kruder & Dorfmeister gebrochene Rhythmen – also genau jene Struktur, aus der Jungle und Drum & Bass entstehen. Der Unterschied liegt im Tempo. Peter Kruder und Richard Dorfmeister lassen ihre Tracks langsamer laufen, bauen Dub-Bass darunter und geben den Sounds viel Raum. So wirkt ihre Musik wie ein entspanntes Gegenstück zur hektischen Clubmusik der Zeit.
Der eigentliche Durchbruch von Kruder & Dorfmeister passiert nicht im Radio, sondern auf Tanzflächen. DJs in London, Wien und Berlin spielen Remixe von Peter Kruder und Richard Dorfmeister, weil sie perfekt zwischen Trip-Hop, Dub und Breakbeat funktionieren. Spätestens als die Remix-Sammlung „The K&D Sessions“ erscheint, werden Kruder & Dorfmeister international zu einer Referenz. Viele Produzenten der Downtempo-Szene nennen Peter Kruder und Richard Dorfmeister später als Einfluss.
In Deutschland entdecken viele Menschen den Sound von Kruder & Dorfmeister allerdings nicht im Club, sondern nachts im Fernsehen. Die BR-Sendung „Space Night“ kombiniert ab 1994 Weltraumbilder mit elektronischer Musik – Ambient, Dub, Trip-Hop. Genau hier passt die Musik von Peter Kruder und Richard Dorfmeister perfekt hinein. Für viele Zuschauer wird „Space Night“ zum Einstieg in den Kosmos von Kruder & Dorfmeister. Der eigentliche Durchbruch der beiden passiert zwar schon vorher in der Clubszene, doch „Space Night“ sorgt dafür, dass auch Menschen außerhalb der Szene plötzlich verstehen, wie diese langsame elektronische Musik funktioniert. Das Etikett „Lounge“ verfolgt Kruder & Dorfmeister trotzdem lange. Bars, Hotel-Lounges und Compilations benutzen den Sound von Peter Kruder und Richard Dorfmeister gern als Hintergrundmusik. Genau das ärgert Peter Kruder und Richard Dorfmeister immer wieder. In Interviews erklären sie, dass ihre Tracks aus Dub und Soundsystem-Kultur stammen.
Die Diskografie von Kruder & Dorfmeister in den 90ern ist erstaunlich überschaubar. 1993 veröffentlichen sie ihre erste EP „G-Stoned“. Die Platte erscheint auf dem eigenen Label von Peter Kruder und Richard Dorfmeister und enthält unter anderem den Track „High Noon“. Schon hier hört man den typischen Stil von Kruder & Dorfmeister: Dub-Bass, entspannte Breakbeats und viel Atmosphäre. 1996 folgt „DJ-Kicks: Kruder & Dorfmeister“. Für die bekannte Mix-Serie stellen Peter Kruder und Richard Dorfmeister ein Set zusammen, das Trip-Hop, Breakbeat und Dub verbindet. Das Album zeigt, wie breit die musikalische Welt von Kruder & Dorfmeister ist. Ebenfalls 1996 erscheint „Conversions – A K&D Selection“. Die Platte klingt aber, so ehrlich darf man heute sein, eher nach frühen 90ern.
1998 veröffentlichen Kruder & Dorfmeister schließlich „The K&D Sessions“. Das Doppelalbum versammelt viele Remixe von Peter Kruder und Richard Dorfmeister – unter anderem für Depeche Mode oder Bomb the Bass. Das Album wird schnell zu einem Klassiker der Downtempo-Szene. Benjamin von Stuckrad-Barre hat „The K&D Sessions“ einmal sinngemäß als das „Köln Concert“ seiner Generation bezeichnet – und genau darin steckt die kulturelle Wucht dieser Platte: nicht als 1:1-Musikvergleich zu Keith Jarrett, sondern als Beschreibung eines Albums, das in den späten 90ern plötzlich überall war - und für eine ganze Hörer-Generation zum Referenzsound wurde. Wenn ausgerechnet Benjamin von Stuckrad-Barre, dessen Debütroman „Soloalbum“ 1998 erschien und vielen als prägendes Buch des Jahrzehnts der Popliteratur gilt, so einen Vergleich zieht, sagt das viel über den Status von Kruder & Dorfmeister aus: „The K&D Sessions“ war eben nicht bloß ein Remixalbum, sondern für viele ein Lebensgefühl der 90er.