Derran Brownson (EMF)
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Derran Brownson (EMF)
19.08.2026

EMF trauern um Derry Brownson

Derry Brownson, Gründungsmitglied und Keyboarder von EMF, ist mit 55 Jahren gestorben. Bis wenige Monate vor seinem Tod stand der Musiker trotz schwerer Erkrankung noch mit seiner Band auf der Bühne.

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EMF erklärte außerdem, man sei dankbar, dass Derry Brownson nur wenige Monate zuvor noch einige Male mit der Gruppe auftreten konnte. Dass Derry Brownson überhaupt noch einmal mit EMF spielen konnte, war für ihn offenbar wichtig. Im Juli 2025 hatte Derry Brownson öffentlich über seine Erkrankung gesprochen. Nach einer Operation wegen eines bösartigen Hirntumors beschrieb Derry Brownson seine Situation gegenüber der BBC ziemlich nüchtern als Kampf und sagte: "I want to get back into playing."

EMF - Unbelievable (Official Music Video) HD
EMF - Unbelievable (Official Music Video) HD

Wie wurde Derry Brownson mit "Unbelievable" weltberühmt?

Die Geschichte von Derry Brownson und EMF beginnt nicht in London, Manchester oder einem anderen üblichen Zentrum britischer Popgeschichte, sondern in Cinderford in Gloucestershire. Derry Brownson gehörte 1989 zu den Gründungsmitgliedern von EMF. Zur frühen Besetzung gehörten außerdem Sänger James Atkin, Bassist Zac Foley, Schlagzeuger Mark Decloedt und DJ Gareth Milford, bekannt als DJ Milf. Gitarrist und Songwriter Ian Dench kam kurz darauf hinzu. Das war keine Band, bei der erst fünf Jahre lang ein Masterplan entwickelt wurde. Weniger als ein Jahr nach der Gründung lag bereits der Song vor, der EMF jahrzehntelang begleiten sollte.

"Unbelievable" erschien 1990 als erste Single von EMF. In Großbritannien erreichte der Song Platz drei der Singles-Charts. In den USA ging die Sache noch eine Etage höher: Im Sommer 1991 landeten Derry Brownson, James Atkin, Ian Dench und EMF auf Platz eins der Billboard Hot 100. Für eine junge britische Band mit Gitarren, Samples, Dance-Beats und reichlich Indie-Attitüde war das eine ziemlich absurde Entwicklung. Der internationale Nummer-eins-Hit war nicht der Höhepunkt einer jahrelang aufgebauten Karriere. Er war praktisch deren Startschuss. Genau darin steckt aber auch der Konflikt, der Derry Brownson und EMF danach begleitete. Wenn die erste Single gleich der größte internationale Hit der gesamten Karriere wird, fällt alles Folgende automatisch in dessen Schatten. "Unbelievable" war für EMF Türöffner, Markenzeichen und irgendwann wahrscheinlich auch der berühmteste Elefant im Proberaum.

EMF - I Believe (Official Music Video)
EMF - I Believe (Official Music Video)

Der Song wurde größer als die Bandbiografie

Und das, obwohl Derry Brownson und EMF danach keineswegs aufgehört hatten, Musik zu machen. Das Problem eines gigantischen Hits ist eben: Er löst viele Probleme und erzeugt gleich ein neues. Das Debütalbum "Schubert Dip" erschien 1991 und erreichte in Großbritannien ebenfalls Platz drei. Laut Official Charts hielt sich das Album 19 Wochen in den britischen Top 100. Neben "Unbelievable" enthielt "Schubert Dip" unter anderem "I Believe", mit dem Derry Brownson und EMF in Großbritannien noch einmal die Top Ten erreichten. EMF waren damit nicht einfach eine Band mit einem zufällig erfolgreichen Einzelstück. Zumindest in der ersten Phase gab es eine ganze Reihe von Songs, die das Publikum mitnahm.

Heute schon für den 90s90s Countdown abgestimmt?

EMF (1991)
IMAGO / Future Image
EMF (1991)

Der elektronische Kern von EMF

Für den Sound von EMF war Derry Brownson als Keyboarder und für Samples zuständig. Das klingt heute fast banal, weil Gitarren, elektronische Beats und gesampelte Stimmen längst friedlich in derselben Playlist wohnen. Als Derry Brownson mit EMF Ende der 80er und Anfang der 90er begann, waren die Grenzen zwischen Rockband, Rave, HipHop-Technik und elektronischer Popproduktion noch deutlicher zu spüren. EMF gehörten zu einer Generation britischer Acts, die offenbar wenig Interesse daran hatte, diese Grenzen besonders ordentlich einzuhalten. "Unbelievable" zeigt diese Arbeitsweise von Derry Brownson und EMF ziemlich kompakt. Gitarren treffen auf programmiert wirkende Rhythmen, Samples werden nicht als Dekoration versteckt, sondern sind Bestandteil des Hooks, und darüber singt James Atkin eine Melodie, die auch ohne das ganze elektronische Gerüst als Popsong funktionieren würde. Gerade diese Mischung half EMF, gleichzeitig im Indie-Kontext, in Clubs und im Mainstream stattzufinden. Einen vernünftigen Genre-Stempel hätte man dafür vermutlich mit sehr kleiner Schrift drucken müssen. Derry Brownson war deshalb nicht bloß der Mann, der bei EMF irgendwo hinter einem Keyboard stand. Die elektronischen Ebenen gehörten zu der musikalischen Identität, durch die EMF überhaupt so eindeutig erkennbar wurden. Das ist wichtig, weil sich die öffentliche Erinnerung an Bands mit einem sehr großen Hit häufig auf Sänger und Refrain reduziert. Bei EMF wäre das zu kurz gegriffen. Der Sound von "Unbelievable" funktioniert gerade deshalb, weil Gitarrenband und elektronische Produktion nicht nacheinander auftauchen, sondern gleichzeitig loslegen.

Ein Welthit – und dann?

Nach "Schubert Dip" versuchten Derry Brownson und EMF, die Geschichte weiterzuschreiben. 1992 folgte das zweite Album "Stigma", 1995 das dritte Album "Cha Cha Cha". Die kommerzielle Dynamik der ersten Jahre ließ sich allerdings nicht dauerhaft konservieren. EMF legten schließlich eine Pause ein, und Derry Brownson gründete später die Alternative-Rock-Band LK. Das klassische Popmärchen – Hit, Weltruhm, für immer dieselbe Flughöhe – fand bei EMF also nicht statt. Realistische Popkarrieren haben ohnehin meistens ein komplizierteres Drehbuch.

Anfang der 2000er kamen Derry Brownson und EMF erneut zusammen. Doch diese Phase wurde von einem schweren Einschnitt überschattet. Bassist Zac Foley, ebenfalls Teil der ursprünglichen Besetzung von EMF, starb Anfang 2002 im Alter von 31 Jahren nach einer Überdosis. Für Derry Brownson und die verbliebenen Mitglieder von EMF war damit nicht nur ein früherer Bandkollege gestorben. Eine Gruppe, deren öffentliche Wahrnehmung stark mit einem sehr jungen, extrem energiegeladenen Moment Anfang der 90er verbunden war, musste erstmals mit einem endgültigen Verlust innerhalb der eigenen Geschichte umgehen. Nach einigen weiteren Konzerten trennten sich die Wege von EMF erneut.

Ganz erledigt war das Kapitel trotzdem nie. Derry Brownson kehrte mit EMF mehrfach auf die Bühne zurück. Es gab Reunion-Phasen Ende der 2000er, einzelne Konzerte in den folgenden Jahren und schließlich einen deutlich ernsthafteren Neustart. Die Band selbst beschreibt auf ihrer offiziellen Website den bemerkenswerten Punkt ihrer Geschichte ziemlich passend: Auch in Jahren, in denen EMF nicht als funktionierende Band existierten, sei die Gruppe eine Konstante geblieben und ihre Geschichte weitergeschrieben worden. Quelle: offizielle Website von EMF.

Derry Brownson & Ian Dench von EMF (2023)
IMAGO / Capital Pictures
Derry Brownson & Ian Dench von EMF (2023)

Derry Brownson war Teil eines echten Comebacks

2022 passierte dann etwas, das bei sogenannten 90er-Reunions keineswegs selbstverständlich ist: Derry Brownson und EMF veröffentlichten tatsächlich wieder ein Album mit neuem Material. "Go Go Sapiens" war das erste neue Studioalbum von EMF seit 27 Jahren. Die Band beschrieb die Veröffentlichung selbst als Beginn einer neuen Ära. Das ist natürlich das Vokabular einer Band-Website – trotzdem steckt darin ein entscheidender Punkt. Derry Brownson kehrte nicht nur zurück, um vor Nostalgiepublikum einmal mehr "Unbelievable" anzuschmeißen. EMF wollten wieder eine arbeitende Band sein. 2024 folgte mit "The Beauty and the Chaos" bereits das nächste Album. Derry Brownson und EMF befanden sich damit kurz vor seiner Erkrankung in einer erstaunlich produktiven Phase. Auf "The Beauty and the Chaos" stehen Songs wie "Hello People", "Reach for the Lasers", "21st Century", "Read the Room" und "The Day the Music Died". Schon die Titel machen deutlich, dass EMF sich nicht ausschließlich mit der Vergangenheit beschäftigen wollten. Eine Band, die wirklich nur vom eigenen Archiv leben möchte, nennt einen Song eher selten "21st Century".

Auch deshalb wäre es zu bequem, Derry Brownson jetzt ausschließlich als "Keyboarder von ‚Unbelievable‘" zu beschreiben. Natürlich bleibt der Hit der wichtigste kommerzielle Bezugspunkt von EMF. Aber Derry Brownson verbrachte einen erheblichen Teil seines Lebens damit, diese Band immer wieder neu zu starten. Die eigentliche Geschichte reicht von einer explosionsartigen Karriere Anfang der 90er über Trennungen und den Tod von Zac Foley bis zu neuen Platten mehr als drei Jahrzehnte später. Der Welthit dauerte ein paar Minuten. Die Beziehung zwischen Derry Brownson und EMF dauerte fast sein gesamtes Erwachsenenleben.

Wie kämpfte sich Derry Brownson zurück auf die Bühne?

Im Juli 2025 sprach Derry Brownson öffentlich darüber, dass bei ihm ein bösartiger Hirntumor festgestellt worden war. Ein Teil des Tumors war operativ entfernt worden. Gleichzeitig formulierte Derry Brownson sein persönliches Ziel auffällig pragmatisch: Er wolle wieder spielen. Noch im selben Monat stand Derry Brownson bei Cindyfest in Cinderford wieder mit EMF auf der Bühne. Der Ort gab dem Konzert zusätzlich Gewicht: Cinderford ist die Heimatstadt, in der die Geschichte von EMF begonnen hatte. Für Derry Brownson blieb es nicht bei diesem einen Konzert. Nach Aussage von Ian Dench konnte Derry Brownson noch einige weitere Shows mit EMF spielen, bevor sich sein Gesundheitszustand deutlich verschlechterte.

Der letzte Auftritt folgte im Mai 2026 in Frome in Somerset. Ian Dench berichtete außerdem, dass er noch wenige Wochen vor dem Tod von Derry Brownson Textnachrichten mit seinem Freund ausgetauscht habe – und dass Derry Brownson weiterhin Witze gemacht habe. Dieses Detail passt zu den Erinnerungen anderer Mitglieder von EMF. Bassist Stevey Marsh beschrieb Derry Brownson nach dessen Tod als Freund, mit dem er unzählige Nächte voller Lärm und Gelächter erlebt habe. Besonders schön ist eine Geschichte über einen gemeinsamen Acht-Stunden-Flug nach Chicago: Derry Brownson habe den vier Stunden langen Film "Lawrence of Arabia" heruntergeladen und Stevey Marsh erklärt, man könne ihn auf dem Flug entweder zweimal oder einfach mit halber Geschwindigkeit ansehen.

EMF (1992)
  IMAGO / Future Image
EMF (1992)

Mit dem Tod von Derry Brownson verliert EMF bereits das zweite Mitglied der ursprünglichen Besetzung.

Nach dem Tod von Zac Foley Anfang der 2000er ist nun erneut ein Teil jener Gruppe gestorben, die 1989 in Gloucestershire zusammenkam und kurze Zeit später international erfolgreich wurde. Was von Derry Brownson bleibt, ist deshalb selbstverständlich "Unbelievable" – daran führt kein Weg vorbei. Der Song steht bis heute für den Moment, in dem EMF aus Cinderford plötzlich an der Spitze der amerikanischen Charts auftauchten. Gleichzeitig ist der interessantere Teil der Geschichte vielleicht, was danach geschah: Derry Brownson überstand mit EMF kommerziell schwierigere Jahre, Trennungen, Wiedervereinigungen und den Verlust von Zac Foley. Jahrzehnte später nahm Derry Brownson wieder neue Platten mit derselben Band auf. Und selbst nach einer schweren Diagnose zog es ihn noch einmal auf die Bühne. Derry Brownson wurde 55 Jahre alt. Für EMF endet damit nicht einfach die Geschichte eines Keyboarders aus der erfolgreichsten Phase der Band. Es fehlt künftig einer der Musiker, die diese Band überhaupt gegründet und ihren ungewöhnlichen Sound mit aufgebaut haben.