Vor 25 Jahren: Duran Durans Comeback-Architekt geht
Warren Cuccurullo prägte Songs wie „Ordinary World“ und „Come Undone“. 2001 war Schluss. Was macht er heute?
Warren Cuccurullo prägte Songs wie „Ordinary World“ und „Come Undone“. 2001 war Schluss. Was macht er heute?
Ein eigenes Radio für das Sommergefühl der 90er. Die größten Sommerhits, Partyklassiker und Feel-Good-Tracks des Jahrzehnts.
Es war das wohl überraschendste Comeback der 90er. Simon Le Bon, Nick Rhodes, John Taylor und Warren Cuccurullo tauchten nicht einfach wieder auf, sie klangen plötzlich wie eine Band, die verstanden hatte, dass die 80er vorbei waren. Keine Schulterpolster-Politur, kein „Rio“ auf Wiedervorlage, keine teure Yacht im Video. Duran Duran fanden 1993 einen neuen Ton: eleganter, verletzlicher, erwachsener – und trotzdem sofort erkennbar. Für Warren Cuccurullo war genau diese Phase der Moment, in dem aus einem Ersatzmann eine Schlüsselfigur wurde.
Warren Cuccurullo war nicht Teil der klassischen Duran Duran-Besetzung, mit der Simon Le Bon, Nick Rhodes, John Taylor, Roger Taylor und Andy Taylor in den 80ern zu globalen Popstars wurden. Warren Cuccurullo kam aus einer anderen Schule: Frank Zappa, Missing Persons, Art-Rock, Gitarren, die nicht nur glänzen, sondern auch stören durften. Das war für Duran Duran in den 90ern Gold wert, weil die Band nicht noch einmal denselben Film drehen konnte.
Warren Cuccurullo stieß 1986 zum Duran Duran-Kosmos, zunächst als Session- und Tourgitarrist. Nach dem Album „Notorious“ und der Tour zu „Big Thing“ wurde Warren Cuccurullo 1989 offizielles Mitglied von Duran Duran. Duran Duran waren damals keine jugendliche Pop-Sensation mehr, sondern eine Band in der Zwischenzone: zu berühmt, um einfach neu anzufangen, aber zu sehr mit den 80ern verbunden, um automatisch in die 90er zu passen. Genau in dieser heiklen Zone wurde Warren Cuccurullo wichtig. Bei Duran Duran ging es Anfang der 90er nicht nur um einen neuen Gitarristen. Simon Le Bon war noch immer die Stimme, Nick Rhodes noch immer der Sound-Architekt an den Tasten, John Taylor noch immer die Popstar-Silhouette am Bass. Aber Warren Cuccurullo brachte eine andere Art von Musikalität hinein: weniger Posterboy, mehr Bastler.
Der Konflikt lag offen auf dem Tisch: Duran Duran waren eine 80er-Band. In den frühen MTV-Jahren hatten Duran Duran verstanden wie kaum eine andere Gruppe, dass Pop nicht nur gehört, sondern gesehen wird. Genau das wurde in den 90ern zum Problem. Eine Band, die einmal als Inbegriff des Hochglanz-Pop galt, musste sich in einer Zeit behaupten, in der Grunge, Alternative Rock, HipHop und R’n’B die Spielregeln neu sortierten.
Mit „Ordinary World“ gelang Duran Duran Anfang 1993 ein Pop-Wunder. Warren Cuccurullo, Simon Le Bon, Nick Rhodes und John Taylor schrieben keinen lauten Befreiungsschlag, sondern eine Ballade. In Großbritannien erreichte „Ordinary World“ die Top-10, in den USA Platz 3. Für eine Band, die viele längst als 80er-Phänomen einsortiert hatten, war das nicht einfach ein Hit. Es war ein Comeback. Gerade Warren Cuccurullos Gitarrenarbeit macht „Ordinary World“ so entscheidend. Warren Cuccurullo spielt nicht den Rockhelden. Stattdessen legt er eine schimmernde, klare Figur über den Song, die sofort hängen bleibt, aber nie den Refrain erschlägt. Simon Le Bon singt dazu nicht mehr als der unantastbare Pop-Prinz der 80er, sondern als jemand, der Verlust, Orientierungslosigkeit und Überleben nicht nur behauptet, sondern glaubwürdig macht. Er hatte zuvor einen engen Freund verloren.
Das Video zu „Ordinary World“ verstärkte diese Verschiebung. Warren Cuccurullo und Duran Duran wurden von Regisseur Nick Egan nicht in eine überdrehte Luxusfantasie gestellt, sondern in eine helle, fast entrückte Hochzeitswelt in den Huntington Gardens in Kalifornien. Die Bilder wirken elegant, aber nicht prahlerisch. Für Duran Duran war das ein kluger visueller Neustart.
„Ordinary World“ funktionierte, weil Duran Duran nicht versuchten, jünger zu klingen, als Simon Le Bon, Nick Rhodes, John Taylor und Warren Cuccurullo waren. Das war der entscheidende Punkt. Viele 80er-Acts standen Anfang der 90er vor derselben Falle: Entweder sie hielten an den alten Codes fest und wirkten plötzlich wie ein altes Musikfernsehen-Testbild, oder sie jagten neuen Trends hinterher und klangen wie Gäste auf der eigenen Platte. Ein gutes Beispiel dafür war Billy Idol. Duran Duran machten beides nicht. Warren Cuccurullo und Duran Duran fanden eine dritte Möglichkeit: Pop mit erwachsener Melancholie. Der Impact von „Ordinary World“ lag deshalb nicht nur in den Charts. Duran Duran wurden mit diesem Song wieder anschlussfähig. Warren Cuccurullo half der Band, die Brücke vom visuell dominierten 80er-Pop in einen 90er-Sound zu bauen, der auch im Radio neben ganz anderen Produktionen bestehen konnte. Das war kein Zufallstreffer, sondern ein cleveres Umschalten. Duran Duran mussten nicht mehr beweisen, dass sie stylish waren. Das wussten ohnehin alle. Sie mussten beweisen, dass hinter dem Stil noch Substanz steckte. „Ordinary World“ lieferte die Antwort. Auch deshalb ist der Song bis heute mehr als Nostalgie.
Warren Cuccurullo gab Duran Duran eine musikalische Form, die nicht an die 80er gekettet war. Simon Le Bon konnte darin eine neue Verletzlichkeit zeigen, Nick Rhodes konnte die Synth-Flächen kontrolliert statt überladen einsetzen, John Taylor blieb der Verbindungspunkt zur Pop-DNA der Band. Und ja, ausgerechnet eine Band, die früher für große Gesten stand, gewann mit Zurückhaltung.
Wenn „Ordinary World“ die Tür zurück in die Charts öffnete, dann war „Come Undone“ der Beweis, dass Duran Duran nicht nur Glück gehabt hatten. Warren Cuccurullo, Simon Le Bon, Nick Rhodes und John Taylor setzten mit der zweiten großen Single von „The Wedding Album“ nicht auf dieselbe emotionale Architektur. „Come Undone“ erreichte in den USA die Top-10. Damit hatte Duran Duran zwei internationale 90er-Hits, während viele andere ehemalige 80er-Giganten den Anschluss komplett verpassten. Musikalisch ist „Come Undone“ das interessantere Gegenstück zu „Ordinary World“. Der Groove bleibt kontrolliert, die Gitarren sind nicht dominant. Duran Duran waren damit plötzlich nicht nur wieder radiofähig, sondern zeitgemäß auf eine Weise, die nicht peinlich anbiedernd wirkte.
Das Video zu „Come Undone“ ging noch einen Schritt weiter. Warren Cuccurullo und Duran Duran arbeiteten hier mit Regisseur Julien Temple, der den Clip in eine Welt aus Wasser, Aquarium-Bildern, gefesselten Körpern und fragmentierten Szenen setzte. Teile wurden im London Zoo Aquarium gedreht, der Rest in Los Angeles. Das war kein klassisches Performance-Video und auch kein sauber erzählter Mini-Film. Für eine Band, die in den 80ern oft als Luxusmarke des Pop gelesen wurde, war das ein ziemlich wirksamer Image-Dreh. Dass „Come Undone“ kommerziell funktionierte, ist fast genauso erstaunlich wie der Erfolg von „Ordinary World“. Duran Duran hätten nach dem ersten Comeback-Hit auch eine sichere Kopie liefern können. Warren Cuccurullo und Duran Duran machten stattdessen einen Song, der zurückhaltend daherkommt.
2026 bekommt diese Phase nun einen neuen Rahmen. Duran Duran haben „The Wedding Album“ und „Thank You“ neu aufgelegt. Beide Alben erschienen als remasterte Ausgaben auf CD und als erweiterte 2LP-Vinylsets. Für Warren Cuccurullo ist das mehr als ein Katalogereignis, denn gerade „The Wedding Album“ ist das Album, auf dem Warren Cuccurullo am deutlichsten als Comeback-Architekt von Duran Duran hörbar wird. Wer wissen will, warum diese Band in den 90ern nicht nur verwaltet wurde, muss genau dort anfangen. „The Wedding Album“ war 1993 das zweite selbstbetitelte Album von Duran Duran und wurde wegen seines Covers so genannt. Warren Cuccurullo war auf diesem Album kein Randmitglied, sondern ein zentraler Bestandteil der musikalischen Neuformierung. Die Reissue macht das heute wieder greifbar. „Thank You“ von 1995 ist komplizierter. Warren Cuccurullo und Duran Duran nahmen auf diesem Album Songs anderer Künstler auf, darunter Material von Led Zeppelin, Bob Dylan, The Doors, Lou Reed, Public Enemy und Elvis Costello. Coveralben sind im Pop oft heikle Angelegenheiten: alle kennen die Songs. Bei Duran Duran wurde „Thank You“ damals kontrovers aufgenommen. Trotzdem gehört das Album zur Wahrheit über Warren Cuccurullos Ära, weil es zeigt, wie suchend diese Band nach dem großen Comeback war.
Für Warren Cuccurullo war diese Unsicherheit Teil seiner musikalischen Karriere. Warren Cuccurullo kam aus Welten, in denen musikalische Identität nicht automatisch auf drei Singles und ein klares Logo reduziert wird. Bei Frank Zappa lernte Warren Cuccurullo, dass Pop, Rock, Experiment und Überforderung manchmal im selben Raum stehen dürfen. Bei Missing Persons verband Warren Cuccurullo New-Wave-Energie mit eigenwilliger Musikalität. Bei Duran Duran musste Warren Cuccurullo all das in eine Band einbringen, deren Marke schon vor ihm riesig war. Dass Warren Cuccurullo 2001 nicht mehr Teil von Duran Duran war, hatte viel mit der Rückkehr der klassischen Besetzung zu tun. Im Sommer 2001 hieß, Warren Cuccurullo habe die Band offiziell verlassen. Cyndi Glass, Sprecherin von Warren Cuccurullo, wurde zitiert: „Diese Version von Duran Duran existiert nicht mehr.“ Das ist eine harte, aber präzise Zeile. Für Duran Duran begann eine neue alte Phase. Für Warren Cuccurullo endete ein Kapitel.
Nach Duran Duran blieb Warren Cuccurullo nicht einfach der Ex-Gitarrist, der nur noch über vergangene Hits spricht. Er arbeitete weiter in eigenen Projekten, tauchte immer wieder im Umfeld von Missing Persons auf und pflegte eine Karriere, die nach Experimentierlabor aussieht. Vor einem halben Jahr veröffentlichte Warren Cuccurullo neue eigene Musik. „Synthia“ erschien als digitales Release, „Synthia Vol. II“ folgte als EP. Die Musik bewegt sich deutlich stärker in elektronischen und experimentellen Bereichen als im klassischen Duran Duran-Pop. Warren Cuccurullo knüpft damit eher an seine Neugier als an seine größten Hits an. Auf der einen Seite holen Duran Duran mit den Reissues zwei Alben aus der Warren Cuccurullo-Ära zurück in die Gegenwart. Auf der anderen Seite veröffentlicht Warren Cuccurullo selbst Musik, die mit dem großen 90er-Comeback von Duran Duran nur noch wenig zu tun hat.
Natürlich waren Duran Duran in den 80ern größer, lauter, ikonischer. Simon Le Bon, Nick Rhodes, John Taylor, Roger Taylor und Andy Taylor prägten mit Duran Duran eine Pop-Ästhetik, die Musik, Mode und Video zu einer neuen Sprache verband. Aber in den 90ern schafften Duran Duran etwas, das vielleicht schwieriger war: Die Band überlebte das eigene Image. Warren Cuccurullo spielte dabei eine zentrale Rolle, weil er half, Duran Duran aus dem Archiv herauszuziehen, bevor die Band dort gemütlich verstauben konnte. Das ist nicht vielen Bands gelungen. Ein weiteres Beispiel sind allenfalls U2.
Duran Duran waren in den 80ern ein globales Pop-Phänomen. Aber qualitativ und strategisch war das 90er-Comeback von Duran Duran fast beeindruckender. Warren Cuccurullo und Duran Duran mussten nicht nur Hits schreiben, sondern einen Verdacht widerlegen: dass diese Band bloß ein Produkt ihrer Dekade gewesen sei. „Ordinary World“ und „Come Undone“ widerlegten genau das. Sie machten Duran Duran nicht wieder jung, sondern wieder relevant. Das ist deutlich schwerer und, ehrlich gesagt, auch etwas würdevoller.
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