Michael Stipe (R.E.M.) braucht länger fürs Soloalbum
Seit Jahren arbeitet Michael Stipe an seinem ersten kompletten Soloalbum und es dauert länger als gedacht. Zufall oder Methode?
Seit Jahren arbeitet Michael Stipe an seinem ersten kompletten Soloalbum und es dauert länger als gedacht. Zufall oder Methode?
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Michael Stipe hat seit den 90ern immer wieder Solosongs, Features und Beiträge für Soundtracks veröffentlicht, aber bis heute kein eigenes Soloalbum vorgelegt. Genau deshalb ist das aktuelle Projekt relevant: Es wäre die erste lange Soloplatte von Michael Stipe.
Für Fans von R.E.M. ist das interessant. Denn wenn Michael Stipe überhaupt über neue Musik spricht, geht es automatisch auch um die Frage, wie diese Stimme heute klingt. Die Stimme von Michael Stipe ist schließlich nicht irgendeine Stimme, sondern die von „Losing My Religion“, „Everybody Hurts“ und „Man on the Moon“. Ausgangspunkt der aktuellen Meldung ist ein Bericht von NME über ein Interview von Michael Stipe, in dem Michael Stipe erklärt, dass sein erstes Soloalbum weiter in Arbeit ist und der Prozess länger dauert, als er selbst wollte. Mehr ist das auf den ersten Blick nicht.
Wichtig ist Einordnung. Michael Stipe arbeitet nicht an einem Debüt im allgemeinen Sinn, sondern an seinem ersten Soloalbum. Der Unterschied ist entscheidend, weil Michael Stipe solo längst veröffentlicht hat. Schon 1993 tauchte Michael Stipe mit „Arms of Love“ auf dem Sampler „In Defense of Animals Benefit Compilation“ auf, im selben Jahr war Michael Stipe mit „Full Moon“ auch auf dem Soundtrack zu „Short Cuts“ vertreten. Später folgten „In the Sun“ mit Chris Martin, „Rio Grande“ mit Courtney Love, die Singles „Your Capricious Soul“ und „Drive to the Ocean“, „No Time for Love Like Now“ mit Big Red Machine, seine Version von „Sunday Morning“ für den Tribute-Sampler zu The Velvet Underground und 2026 „I Played the Fool“ mit Andrew Watt.
Michael Stipe ist solo kein Anfänger, aber das Albumformat hat Michael Stipe bislang ausgespart. Diese lange Reihe einzelner Veröffentlichungen zeigt eher einen Künstler, der Dinge ausprobiert, Beziehungen pflegt, musikalisch in Bewegung bleibt und trotzdem nie den offensichtlichen Schritt zur kompletten Soloplatte gemacht hat. Das kommende Album wäre also nicht der Start einer Solokarriere, sondern der Punkt, an dem Michael Stipe seine verstreuten Solo-Aktivitäten erstmals in eine große Form bringt.
Die einfache Antwort lautet: Weil Michael Stipe es sich leisten kann. Die interessantere Antwort lautet: Weil Michael Stipe offenbar nicht bereit ist, halbfertige Musik auf den Markt zu werfen, nur damit endlich ein Datum steht. Nach Jahrzehnten mit R.E.M. muss Michael Stipe niemandem mehr beweisen, dass er Songs tragen kann. Gerade deshalb kann Michael Stipe heute radikal wählerisch sein.
Ganz ohne R.E.M. lässt sich diese Story ohnehin nicht erzählen. Michael Stipe bleibt für die meisten Hörerinnen und Hörer vor allem der Frontmann von R.E.M., und genau deshalb wird jede neue Solomeldung automatisch durch dieses Erbe gelesen. Die Band war in den 80ern erst College-Rock-Institution, dann Kritikerliebling und in den 90ern schließlich globale Popgröße. Mit „Out of Time“ und „Automatic for the People“ wurden R.E.M. nicht nur erfolgreich, sondern stilprägend. Michael Stipe wirkte oft wie der Mann, der die ganze Sache mit leichter Distanz beobachtet und trotzdem im Zentrum steht. Das Soloalbum ist spannend, weil Michael Stipe als Künstler immer noch relevant genug ist, dass ein offener Satz über Verzögerungen sofort Aufmerksamkeit auslöst.