Ein Chemical Brother kommt manchmal allein
Tom Rowlands prägte mit The Chemical Brothers den Sound der 90er. Jetzt startet er mit Aurora Aksnes und Tomora ein neues Kapitel.
Tom Rowlands prägte mit The Chemical Brothers den Sound der 90er. Jetzt startet er mit Aurora Aksnes und Tomora ein neues Kapitel.
Die coolen Songs der 90er. Von Masterboy bis Outkast, weniger Mainstream - mehr Underground.
Es gibt Nebenprojekte, die nach einer Single und zwei Festivalauftritten wieder in irgendeinem Cloud-Ordner verschwinden. Und es gibt Tom Rowlands und Aurora Aksnes. Die beiden haben offenbar beschlossen, dass Tomora lieber gleich das nächste Kapitel aufschlägt: neue EP, neue Songs, weitere Konzerte – und im November eine Berlin-Show, bei deren Ticketpreis irgendwie schon einen Anspruch formuliert. Denn Tom Rowlands und Aurora Aksnes veröffentlichen am 16. Oktober 2026 die neue Tomora-EP „Celebration“. Zunächst erscheint die fünf Tracks umfassende Veröffentlichung digital, am 27. November folgen Vinyl und CD. Der sehr gelungene Titelsong „Celebration“ ist bereits erschienen.
Entstanden ist „Celebration“ nach den ersten gemeinsamen Liveshows von Tom Rowlands und Aurora Aksnes. Aufgenommen wurde die EP in Sussex in England. Tomora hatten da bereits eine Festivalsaison hinter sich, die unter anderem über Coachella und Fuji Rock führte. Der Titel ist bei Tom Rowlands und Aurora Aksnes weniger Partykonfetti, als man bei „Celebration“ zunächst vermuten könnte. „Feiern ist ein Privileg. Feiern ist eine Person. Feiern ist eine Beerdigung und ein Ritual“, erklären Tom Rowlands und Aurora Aksnes in einem kryptischen Statement zur Platte.
„Wir wollten, dass Tomora eine Band ist, nicht zwei Einzelpersonen“, erklärten Tom Rowlands und Aurora Aksnes zum Start des Projekts. Auf der offiziellen Seite der Chemical Brothers wurde Tomora entsprechend nicht als Feature oder Gastprojekt angekündigt, sondern ausdrücklich als neues Duo. Das klingt zunächst nach PR-Sprache, bekommt bei Tom Rowlands und Aurora Aksnes aber eine konkrete Bedeutung. Denn die einfachste Vermarktung wäre gewesen: Tom Rowlands, der Mann mit der großen Dance-Historie, produziert – Aurora Aksnes singt darüber. Genau diese Rollenverteilung beschreiben beide jedoch nicht.
„Come Closer“, das Debütalbum von Tomora, wurde gemeinsam von Tom Rowlands und Aurora Aksnes geschrieben und produziert. Auch der offizielle Shop der Chemical Brothers führt beide ausdrücklich als gemeinsame kreative Köpfe des Albums.
Tom Rowlands ist natürlich die direkte Verbindung in die 90er. Gemeinsam mit Ed Simons bildet Tom Rowlands die Chemical Brothers, deren Geschichte schon Ende der 80er in Manchester begann. Zunächst traten Tom Rowlands und Ed Simons als Dust Brothers auf, bevor daraus die Chemical Brothers wurden. In den 90ern entwickelten Tom Rowlands und Ed Simons daraus einen Sound, der elektronische Clubmusik mit Rockenergie, psychedelischen Elementen und massiven Breakbeats zusammenbrachte. Mit „Exit Planet Dust“ gelang Tom Rowlands und Ed Simons 1995 der entscheidende Schritt, zwei Jahre später folgte „Dig Your Own Hole“. Songs wie „Setting Sun“ und „Block Rockin’ Beats“ machten die Chemical Brothers auch außerhalb der Clubs groß; „Dig Your Own Hole“ erreichte in Großbritannien Platz eins der Albumcharts. Ende des Jahrzehnts kam mit „Hey Boy Hey Girl“ noch einer jener Tracks hinzu, bei denen Tom Rowlands und Ed Simons bis heute durch seine geniale Einfachheit besticht.
Nein. Dass Tom Rowlands mit Aurora Aksnes bei Tomora gerade ziemlich viel Zeit verbringt, ist kein Hinweis auf einen Ausstieg von Tom Rowlands bei den Chemical Brothers. Im Gegenteil: Die offizielle Website der Chemical Brothers berichtet regelmäßig über Tomora, verkauft Veröffentlichungen des Projekts und bezeichnet Tom Rowlands weiterhin ausdrücklich als Mitglied der Chemical Brothers. Einen angekündigten Abschied von Tom Rowlands gibt es nicht. Dass diese Frage überhaupt aufkommt, ist bei Tom Rowlands verständlich. Tomora wirkt mit Aurora Aksnes inzwischen nicht wie ein Projekt, das zwischen zwei Chemical-Brothers-Sessions erledigt wird. Tom Rowlands sagte Anfang 2026 gegenüber NME, der Fokus liege gerade stark auf Tomora; gemeinsam mit Aurora Aksnes sei bereits wieder neue Musik entstanden. Gleichzeitig sprach Aurora Aksnes davon, weiter eigene Musik zu machen. Das Modell lautet also eher Parallelbetrieb als Wachablösung.
Die Vorgeschichte von Tom Rowlands und Aurora Aksnes reicht einige Jahre zurück. Tom Rowlands wurde auf Aurora Aksnes aufmerksam, nachdem er einen Festivalauftritt von ihr gesehen hatte. Später holten die Chemical Brothers Aurora Aksnes für Arbeiten rund um ihr 2019 veröffentlichtes Album „No Geography“ ins Studio. Aurora Aksnes war unter anderem an „Eve Of Destruction“ beteiligt. Danach setzte sich die Zusammenarbeit fort, bevor Tom Rowlands wiederum an Musik von Aurora Aksnes arbeitete. Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich bei Tom Rowlands und Aurora Aksnes offenbar etwas, das nicht mehr sinnvoll unter „feat.“ auf ein Cover passte. Tom Rowlands erzählte, dass ihn die Reaktion von Aurora Aksnes auf Sounds im Studio beeindruckt habe. Aurora Aksnes wiederum beschrieb die gemeinsame Arbeit als ungewöhnlich frei von Erwartungsdruck. Das Debütalbum „Come Closer“ entstand laut Tom Rowlands zunächst sogar ohne festen Plan, daraus überhaupt ein Album zu machen.
Ganz billig ist der Berliner Abend mit Tom Rowlands und Aurora Aksnes nicht: 77,99 Euro. Wer Tom Rowlands und Aurora Aksnes vor allem aus Neugier auf das neue Projekt sehen möchte, bekommt damit definitiv keinen „ach komm, gehen wir spontan hin“-Preis serviert. Der Preis zeigt gleichzeitig, in welcher Kategorie Tom Rowlands und Aurora Aksnes mit Tomora positioniert werden. Zwar ist die Band neu, die Beteiligten sind es natürlich nicht. Tom Rowlands bringt den Namen und die Livehistorie der Chemical Brothers mit, Aurora Aksnes spielt seit Jahren international große Hallen und Festivals.
Trotzdem bleibt bei Tom Rowlands und Aurora Aksnes eine interessante Frage offen: Wie viel Vorschuss bekommt eine neue Band allein durch die Namen ihrer Mitglieder? Tomora haben zwar bereits ein Album und eine beachtliche Livesaison hinter sich. Gleichzeitig gibt es die Band erst seit vergleichsweise kurzer Zeit. Knapp 78 Euro sind deshalb auch ein Test dafür, ob das Publikum Tom Rowlands und Aurora Aksnes tatsächlich als neue gemeinsame Marke akzeptiert.